Folge 35: KI – wie abhängig sind wir wirklich?

15.09.2026 | Vom Hype zum Handeln

Wir nutzen ChatGPT und andere KI-Werkzeuge für Texte, Bilder, Analysen und Entscheidungen. Doch wem gehört die Infrastruktur dahinter? Wo liegen unsere Daten? Wer verdient an der Nutzung – und wie viel Wissen und Wertschöpfung bleiben in Österreich oder Europa?

In Folge #35 von „Vom Hype zum Handeln“ spreche ich mit Julian Just von der AI Factory Austria darüber, wie Unternehmen trotz internationaler Plattformen handlungs- und entscheidungsfähig bleiben.

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Einblicke und Tipps für eine souveräne KI-Nutzung

Souveränität ist nicht Autarkie

„Es geht jetzt nicht darum, autark zu sein. Es geht darum, Entscheidungsmöglichkeiten zu haben und Abhängigkeiten zu reduzieren.“

Julian Just

Unternehmen können weiterhin ChatGPT, Claude, Gemini oder andere internationale Angebote verwenden. Souverän handeln sie, wenn diese Entscheidung bewusst getroffen wird und echte Alternativen bestehen – etwa wenn sich Preise, Leistungen, Rechtslagen oder Geschäftsmodelle verändern.

Drei Dimensionen der KI-Souveränität

Julian unterscheidet drei Dimensionen, mit denen Unternehmen ihre Situation greifbar machen können:

Technologiesouveränität: Welche Wahlmöglichkeiten bestehen bei Hardware, Software und KI-Modellen? Kann das Unternehmen zwischen verschiedenen Technologien wechseln?

Datensouveränität: Wo liegen die Daten, wer kann darauf zugreifen und sind die Datenflüsse transparent? Das ist besonders wichtig bei sensiblen Unternehmens-, Personen- oder Gesundheitsdaten.

Betriebssouveränität: Kann eine KI-Anwendung selbst oder mithilfe eines geeigneten Partners betrieben werden? Sind Fachwissen, Rechenleistung und eine belastbare Betriebsstruktur vorhanden?

Für die meisten KMU ist ein eigenes Rechenzentrum keine realistische Lösung. Regionale Partner können Infrastruktur, Auslastung und Wissen bündeln. Besonders relevant ist das bei sensiblen Anwendungen, etwa in Krankenhäusern: KI kann administrative Aufgaben erleichtern, doch Gesundheitsdaten brauchen verlässliche technische, rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen.

Die Cloud hat einen Ort – und Eigentümer

„Die Cloud“ klingt leicht und ortlos. Tatsächlich steht dahinter eine physische und wirtschaftliche Infrastruktur: Energie, Flächen, Hardware, Kühlung und Fachkräfte. Darauf bauen Chips, Modelle, Plattformen und schließlich die konkrete Anwendung auf.

Diese Wertschöpfungskette hilft Unternehmen, genauer hinzuschauen:

  • Welche Technologie wird verwendet und wo wird sie betrieben?
  • Wer kontrolliert sie und wer profitiert wirtschaftlich?
  • Welche realistischen Alternativen gibt es?

Auch europäische Rechenkapazitäten internationaler Konzerne bedeuten nicht automatisch europäische Kontrolle oder regionale Wertschöpfung. Regionale Infrastruktur schafft mehr Gestaltungsspielraum, bringt aber auch Verantwortung für Energieversorgung, Kühlung und Umweltverträglichkeit mit sich.

Drei Hebel für mehr Wahlmöglichkeiten

1. Offene Modelle prüfen: Offene und sogenannte Open-Weight-Modelle können auf einer selbst gewählten Infrastruktur betrieben werden. Das kann mehr Kontrolle über Daten und Betrieb ermöglichen. „Offen“ bedeutet jedoch nicht automatisch „souverän“ – entscheidend bleibt, wer das Modell betreibt und welche Komponenten weiterhin von einzelnen Anbietern abhängen.

2. Das passende Modell wählen: Nicht jede Zusammenfassung, Klassifizierung oder interne Assistenzaufgabe benötigt das leistungsstärkste und teuerste System. Unternehmen sollten klären, welche Qualität tatsächlich gebraucht wird, welche Daten verarbeitet werden und ob ein kleineres oder europäisches Modell genügt.

3. Modular bauen: Wenn eine Anwendung fest mit einem Modell oder Anbieter verbunden ist, wird ein Wechsel teuer. Abstraktionsschichten und Werkzeuge wie LiteLLM können unterschiedliche Modelle über eine einheitliche Schnittstelle ansprechen und den Austausch erleichtern.

Ein praktischer Souveränitätscheck für Unternehmen

  1. Nutzung erfassen: Welche KI- und Cloud-Dienste sind bereits im Einsatz?
  2. Risiko bewerten: Welche Anwendungen und Daten sind besonders kritisch?
  3. Bedarf prüfen: Braucht der Workflow wirklich dieses Modell und diesen Anbieter?
  4. Wechselmöglichkeiten testen: Sind Modelle, Schnittstellen und Anbieter austauschbar?
  5. Alternativen und Partner erproben: Welche offenen, europäischen oder regionalen Lösungen passen?

KI sollte dabei nicht nur auf bestehende Abläufe gesetzt werden. Manchmal ist es sinnvoller, vom gewünschten Ergebnis auszugehen und den Prozess mit den heutigen Möglichkeiten neu zu entwerfen.

Anlaufstellen und Alternativen

Die AI Factory Austria unterstützt KMU, Start-ups, Forschungseinrichtungen und öffentliche Institutionen bei Orientierung, Kompetenzaufbau, ersten Tests und der Vernetzung mit passenden Partnern.

Die Nennungen sind eine Ausgangsliste zur eigenen Prüfung und keine pauschale Empfehlung für jeden Anwendungsfall.

Fazit: Wahlmöglichkeiten entstehen nicht von selbst

KI-Souveränität beginnt nicht mit einem eigenen Rechenzentrum, sondern mit Transparenz: Welche Systeme nutzen wir, wohin fließen unsere Daten und welche Alternativen haben wir? Wer diese Fragen heute beantwortet, kann Kompetenzen, Partnerschaften und technische Wechselmöglichkeiten aufbauen – und morgen noch selbst entscheiden.


Über den Gast

Gesprächspartner

Julian Just ist AI & Innovation Expert bei der AI Factory Austria (AI:AT) und Postdoc-Forscher im Team Innovation and Entrepreneurship am Institut für Management und Marketing der Universität Innsbruck. Dort untersucht er, wie KI- und NLP-Systeme die frühe Phase von Innovationsprozessen verändern – vom Problemverständnis über die Ideenfindung bis zur Bewertung und Auswahl.

ÜBER DEN PODCAST

Host in Folge 35 ist Petra Liebl, Expertin für digitales Marketing mit KI und langjährige Unternehmensberaterin mit Schwerpunkt Marketing.

Mit ihrem digitalen und Marketing-Background geht es Petra darum, den Blick weg von Tools hin zum zentralen Erfolgsfaktor digitaler Transformation zu lenken: dem aktiven Gestalten von und für Menschen in Organisationen – und dabei Chancen ebenso wie kritisches Denken und Handeln im Umgang mit KI-Tools zu fördern.

Erfolgreiches Marketing beginnt nicht bei KI, sondern bei deinen Stärken, deiner Tonalität und deiner Zielgruppe. Deshalb hat Petra FELIX entwickelt: ein KI-Marketing-System für KMUs und Einzelunternehmer:innen, das markentreue Texte und Social-Media-Posts liefert – ganz ohne KI-Vorwissen.

Petra Liebl – Content Bakery: Als erfahrene Onlineexpertin und zertifizierte Digitalberaterin verbindet Petra Strategie, digitales Marketing und KI zu wirkungsvollen Online-Lösungen für Unternehmer:innen.